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Der Schmerz aus Kindheitstagen ist immer noch akut: ein Fall von Staphysagria

von Jayesh Shah, Devang Shah

 

Der 72-jährige Patient kam am 11. April 2012 zur Erstanamnese in unsere Sprechstunde. Seine Hauptbeschwerde war eine Harninkontinenz, unter der er seit einer operativen Prostataresektion litt. Außerdem klagte der Patient über stark schwankende Blutzuckerwerte, obwohl er wegen eines Typ II Diabetes medikamentös eingestellt war. Der Mann äußerte den Wunsch, diese beiden Beschwerden behandeln zu lassen und zukünftigen Problemen vorzubeugen.

 

Unser erster Eindruck war der eines sensiblen und sanftmütigen Menschen. Der Mann sprach sanft und freundlich, strahlte aber gleichzeitig eine gewisse Würde aus. Er berichtete uns, dass er von dem Chirurgen, der ihn operiert hatte, sehr enttäuscht war, weil dieser ihn nicht ausreichend über die potentiellen Folgen eines solchen Eingriffs aufgeklärt hatte. Der Patient erwähnte an dieser Stelle insbesondere die Harninkontinenz und die negativen Auswirkungen auf sein Sexleben (das ausgeprägte Interesse an Sexualität war auffällig).

 

Der Mann ist in zweiter Ehe verheiratet. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau lebte er neun Jahre lang alleine und wandte sich in dieser Zeit immer mehr der Spiritualität zu.

 

Er beschreibt sich selbst als ruhig und ausgeglichen, erzählt uns aber auch, dass ihn Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit wütend machen. Er arbeitet als selbstständiger Unternehmer, sein Beruf gibt ihm die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken. Im Freundeskreis ist er sehr beliebt und schätzt es insbesondere sehr, wenn er für seine Arbeit Anerkennung bekommt.

 

Der Patient macht sich viele Sorgen. Er erzählt, dass er oft über seine Kindheit und seinen Vater nachdenkt. Der Vater war sehr streng und dominant gewesen, als Kind hatte er sich vor den Wutausbrüchen seines Vaters gefürchtet. Der Vater war auch extrem sparsam und Geld hatte in der Familie oft zu Streit geführt. Einmal musste der Patient mit ansehen, wie der Vater seinen älteren Bruder schlug, weil dieser angeblich zu viel Geld ausgegeben hatte. Die Situation hatte dem Patienten große Angst gemacht. Die Angst vor dem Vater war so groß, dass der Mann trotz seiner außerordentlichen Begabung – er hatte es bis zum Champion geschafft - auf eine Sportlerkarriere als Badmintonspieler verzichtete und sich auf Wunsch seines Vaters als Unternehmer selbstständig machte.

 

Der Patient hatte sich von den strengen Vorgaben seines Vaters oft gedemütigt gefühlt. Er berichtete uns von einem Beispiel, wie er als schon erwachsener Mann von seinem Vater im Beisein von Arbeitskollegen gezwungen wurde, kurze Hosen zu tragen. Er beschreibt seinen Vater als Tyrannen.

 

Seine Mutter beschreibt der Patient als sanftmütige, liebevolle und zärtliche Frau, die ihm all die Liebe schenkte, die er als Kind brauchte. Sie war das Gegenstück zu seinem schwierigen Vater. Während der Erstanamnese sprach der Patient ausführlich darüber, wie unterschiedlich seine Eltern waren.

 

Der Patient hat große Angst vor Krankenhäusern und reagiert empfindlich auf das Leid anderer Menschen.

 

Als Kind war er sehr sensibel gewesen und hatte oft im Spiel mit seinen Cousins äußerst empfindlich auf jeden noch so kleinen Scherz reagiert. Verlor er ein Spiel oder wurde geneckt, fing er jedes Mal an zu weinen.

 

Der Patient ist hochgradig klaustrophobisch. Er berichtete uns von einem Vorfall in einem Flugzeug, das den geplanten Abflug verschieben musste, weil der Patient aufgrund einer heftigen Panikattacke wieder von Bord gelassen werden musste. Er erinnert sich noch heute daran, dass er damals verzweifelt versuchte, wieder ins Freie zu gelangen. Auch Menschenansammlungen machen ihm Angst.

 

Außerdem sprach der Patient über zwei merkwürdige Träume, an die er sich erinnern kann: Im ersten Traum stand er an einem Strand. Hinter ihm ragte eine hohe Mauer empor und er von einer großen Welle überspült. In diesem Traum empfand er eine Todesangst, die ihn aus dem Schlaf schrecken ließ. Im zweiten Traum schliefen er und seine fünf Brüder in einem Raum. Als er aufwachte, waren alle Brüder tot, nur er war noch am Leben. Als wir ihn danach fragten, wie sich der Traum angefühlt hatte, beschrieb der Patient den Traum als ‚sehr merkwürdig‘.

 

Fallanalyse

Der Schwerpunkt ruht hier auf der schwierigen Kindheit des Patienten, die von einem über alle Maßen strengen Vater geprägt war. Es ist das Auffallende und Besondere an diesem Fall. Der Patient selbst ist ein sanftmütiger Mensch und konnte die väterliche Strenge kaum ertragen. Der Vater war sehr geizig gewesen und konnte es nicht ausstehen, wenn seine Kinder Geld ausgaben. Die Kinder wurden dafür oft vom Vater getadelt. Der Patient erzählte lange und ausführlich darüber, dass sein Vater ein Tyrann, seine Mutter dagegen eine sanfte und zärtliche Frau gewesen war.

 

Hier haben wir einen 72-jährigen Mann, der sich nach wie vor mit seinem Kindheitsthema auseinandersetzt. Es war uns klar, dass es sich hierbei um sein Hauptanliegen handeln musste. Die Erinnerungen an das Kindheitstrauma, ausgelöst durch den strengen Vater, sind immer noch frisch! Der Patient verbrachte deutlich mehr Zeit damit, über dieses Thema zu sprechen, als uns von seinen körperlichen Beschwerden zu berichten. Es wird deutlich, dass er immer noch sensibilisiert ist für das, was ihm als Kind widerfahren war. Besonders sticht hier seine Empfindlichkeit gegenüber den harten Bestrafungen und Demütigungen seitens des Vaters hervor. Wenn wir versuchen, die Ängste und die Klaustrophobie des Patienten mit seiner Situation als Kind in Verbindung zu bringen, ist es interessant anzumerken, dass seine jetzigen Ängste sehr wahrscheinlich vergleichbar sind mit der Angst, die er seinem Vater gegenüber empfand. Oft bringen unsere Patienten ihre innersten Gefühle nicht direkt in Verbindung mit bestimmten Situationen. Sie kommen meist indirekt durch Ängste, Träume, persönliche Interessen und Hobbys zum Ausdruck. In den meisten Fällen gibt es mehrere Situationen oder Fenster, die uns Einblicke gewähren in das Erleben des Patienten und uns erkennen lassen, auf welcher Ebene dieses Erleben stattfindet.

 

Bei diesem Patienten haben seine Kindheitserlebnisse zu einem starken Sinn für Gerechtigkeit geführt. Er begehrt auf gegen jegliche Form der Ungerechtigkeit.

 

Neben seiner sensiblen und sanftmütigen Wesensart konnten wir eine gewisse Würde ausmachen. Wir haben es also mit einem Menschen zu tun, der Würde ausstrahlt und gleichzeitig empfindlich auf Kränkungen reagiert.

 

Der Patient beschreibt sich selbst als kreativ im Beruf, ist im Freundeskreis beliebt und weiß Anerkennung zu schätzen. Zwei polare Aspekte, Kritik und Anerkennung, werden deutlich. Wir suchen also nach einem Arzneimittel, in dem diese beiden Aspekte vertreten sind und welches auch die körperlichen Aspekte seiner postoperativen Beschwerden abdeckt.

 

Die folgenden Rubriken wurden für die Repertorisation herangezogen:

 

 

 

In Phataks ‚Homöopathische Arzneimittellehre‘(1) finden wir folgende Beschreibung für Staphysagria:

 

Nervenleiden, die mit Zittern verbunden sind, stellen einen ausgeprägten Aspekt dieser Arznei dar. .. Sie erregt übermäßiges und abweichendes Sexualverlangen und Masturbationsneigung. ..(die Arznei hat einen starken Bezug zu Sexualität).

 

Das Mittel wirkt auf … die HARNWEGE; die Bindegewebe; … krankhaft überempfindlich; das geringste Wort, das ihr unrecht erscheint, verletzt sie sehr;

 

Schließmuskeln: eingerissen, überdehnt. GEWEBSZERREIßUNGEN; Dammrisse usw. Stichschmerzen (Seitenstechen), die nach Operationen zurückbleiben. Üble Folgen von: Zorn oder Kränkung; unterdrücktem, zurückgehaltenem Zorn; Verletzungen, etwa durch Sturz; glatten Stichwunden, etwa nach Operationen; sexuellen Ausschweifungen;

 

(Verletzung des Blasenschließmuskels als Folge eines chirurgischen Eingriffs war die Hauptbeschwerde unseres Patienten).

 

Geist und Gemüt: Eingebildete Beleidigungen. Große Entrüstung über die Taten, die andere oder er selbst begangen haben; grämt sich wegen der Folgen.

 

Beschwerden von zurückgehaltenem Unwillen. Sehr empfindlich gegenüber dem, was andere über sie sagen. Üble Folgen von Strafpredigten oder Bestrafungen, bei Kindern.

 

Verschreibung: Staphysagria LM3

 

Kommentar zur Potenzwahl

Der Patient hat einen chronisch progredienten Diabetes, der medikamentös behandelt wird, aber nicht mehr adäquat kontrolliert werden kann. Die Blutzuckerwerte schwanken stark und die lebenswichtigen Organe wie Nieren, Augen, Nerven und Herz werden zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Daran können wir erkennen, dass es sich um eine chronische und fortschreitende Erkrankung handelt. Unter Berücksichtigung der fortschreitenden Pathologie des Patienten wurde eine LM-Potenz gewählt, um die Arznei in wiederholten Gaben verabreichen zu können. Außerdem war deutlich, dass sich die Beschwerden des Patienten hauptsächlich auf Ebene 1, 2 oder 3 abspielen. Selbst als der Patient uns von seinem Vater erzählte, stand sein emotionales Erleben nicht im Vordergrund. Man hatte den Eindruck, dass der Patient sich im Griff haben wollte, was typisch für Staphysagria ist. Außerdem war die Hauptbeschwerde deutlich lokalisiert. Die LM3-Potenz ist hier eine sichere Wahl, weil man bei Bedarf noch höher gehen kann.

 

Follow-up am 02.11.2012: Der Patient reagierte sofort auf die Arznei. Seine Harninkontinenz besserte sich innerhalb von 4 Wochen deutlich. Drei Monate später war die Blasenfunktion wieder zu 80% hergestellt, sechs Monate später sogar wieder zu 95%. Auch die Blutzuckerwerte des Patienten stabilisierten sich und bleiben jetzt mit allopathischer Behandlung gut eingestellt. Sein aktueller Wert für glykosyliertes Hämoglobin liegt bei 7.6 (vor Beginn der homöopathischen Behandlung lag er bei 8). Sein Nüchternblutzucker fiel von 170 auf 120.

 

Auch seelisch geht es dem Mann besser, er sagt, er sei ruhiger geworden und kann den Herausforderungen des Lebens gelassen entgegensehen. Kleinere Ärgernisse kann er nun problemlos verkraften, was vorher nicht der Fall war.

 

Der Patient erzählt uns diesmal auch von einer Meinungsverschiedenheit mit seiner Tochter, mit der er sich aus beruflichen Gründen überworfen hat. Während der Erstanamnese hatte er nicht darüber gesprochen. Über seine Tochter sagt er: „Ich kann sie jetzt verstehen und es ist in Ordnung, so wie es ist.“ Hier lässt sich eine positive und sehr heilsame Veränderung in seinem Wesen erkennen. Die Fähigkeit, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, hat ihn gelassener und ruhiger werden lassen. Er sagt, dass er gelernt hat, sich seiner Tochter nicht aufzudrängen und nun akzeptieren kann, dass sie andere Ansichten hat als er.

 

Es lässt sich hier schön erkennen, dass es dem Patienten nicht nur körperlich und in Bezug auf seine Krankheit besser geht, sondern dass auch auf geistiger und seelischer Ebene eine Veränderung stattgefunden hat, die den Patienten ausgeglichener machen und ihn besser in die Lage versetzen, mit den Belastungen des Lebens umzugehen. Das ist das Schöne an der Homöopathie: Sie heilt nicht nur körperliche Beschwerden, sondern bringt Wohlbefinden und seelische Ausgeglichenheit, die eine Heilung auch auf tiefer Ebene möglich macht. Diese zutiefst ganzheitliche Wirkweise macht die Homöopathie zu einer der besten und effektivsten Heilmethoden überhaupt.

 

Fallmanagement

Nach drei Monaten Staphysagria LM3 wurde die Potenz auf eine LM4 erhöht, weil der Blutzuckerspiegel des Patienten immer noch zeitweise ins Schwanken geriet. Danach verschwand auch dieses Problem.

 

Kommentar

Die Empfindung des Eingeengt-seins und die daraus folgende Klaustrophobie wird in der Regel nicht mit Staphysagria in Verbindung gebracht. Im vorliegenden Fall wurden allerdings auch diese Ängste des Patienten geheilt.

 

Der zweite sehr auffällige Aspekt war die Tendenz des Patienten, sich über alles Sorgen zu machen. Sogar Kleinigkeiten brachten ihn aus der Fassung: Er machte sich Gedanken um seine Krankheit, um Geld, um seine Beziehungen, um sich selbst – eigentlich um alles. Dieser Wesenszug ist bei Staphysagria nicht bekannt. Ich überlegte, ob es sich hier um einen weniger bekannten Aspekt des Mittels handeln könnte. Als ich über das Ganze nachdachte, fiel mir jedoch auf, dass es hier nicht um die Sorge selbst ging, sondern um die Sache, um die sich der Patient Sorgen machte. Wenn er, zum Beispiel, über seinen Vater nachdachte, ging es um die Angst, angeschrien oder ausgeschimpft zu werden. Sorgte er sich um Geld, ging es ebenfalls um seinen Vater und die Angst, dass dieser seine Missbilligung zeigen würde. Und seine Sorgen in Bezug auf seinen Krankenhausaufenthalt drehten sich im Grunde genommen um seine starke Empfindlichkeit gegenüber dem Leiden anderer Menschen, er konnte es nicht ertragen, andere im Krankenhaus zu sehen. Was wir hier vor uns haben ist eine tiefgehende Empfindlichkeit. Diese ausgesprochene Empfindlichkeit gehört zu dem Pflanzenreich, und noch spezifischer in diesem Fall die Empfindlichkeit gegenüber Härte, Strenge, Tadel und Zurechtweisung, welche uns zu den Ranunculaceae führt.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Erleben des Patienten in seinen Träumen, in denen er von etwas Riesigem überkommen wird. In einem seiner Träume wird er von einer Welle überrollt, im zweiten Traum ereignet sich ein großes Unglück, er findet alle seine Brüder tot auf. Keiner dieser beiden Träume wiederholte sich. Der Patient erzählte uns erst von seinen Träumen, als er explizit danach gefragt wurde, aus diesem Grund spielen sie in der Fallanalyse eine untergeordnete Rolle. Allerdings können wir aus diesem Fallbeispiel lernen, dass das Gefühl einer drohenden Gefahr oder des drohenden Todes ein wichtiger Aspekt dieses Arzneimittels sein muss, weil unser Patient mit diesem Mittel geheilt wurde. Die Furcht vor Krankheit und vor dem Sterben ist ein signifikanter Aspekt der Familie der Ranunculaceae, wie wir bereits von Aconitum wissen. Vielleicht ist die Angst vor dem Sterben ein wichtiges Thema für viele Staphysagria-Patienten. Die Furcht, verfolgt zu werden, als würde eine Gefahr im Hintergrund lauern – wie z.B. die Wahnidee, dass jemand hinter ihm sei – ist der Idee der ‚Furcht vor dem eigenen Schatten‘ sehr ähnlich. Das Thema der Gefahr, die von hinten kommt, konnte ich bereits bei mehreren meiner Fälle beobachten.

 

Weil dieser Patient so gut auf Staphysagria reagierte können wir durchaus einige Aspekte auch für unsere klinische Arbeit daraus ableiten: grüblerisch, macht sich viele Sorgen um das Sterben und den Tod; große Angst, dass eine Gefahr von hinten kommt und ihn überrollt.

  1. S.R. Phatak, „Staphysagria“, Homöopathische Arzneimittellehre, ReferenceWorks Pro 4.2.1.1

 

Dieses Fallbeispiel wurde ursprünglich unter http://theothersong.wordpress.com/ im Newsletter ‚Voice‘ veröffentlicht.

 

 

Kategorie: Fälle

Schlüsselwörter: Harninkontinenz; Diabetes mellitus Typ II; Wut gegen einen strengen Vater; Wut durch Demütigung; empfindlich gegenüber Tadel

Mittel: Staphysagria

 

 

 

 

 

Der Schmerz aus Kindheitstagen ist immer noch akut: ein Fall von Staphysagria

von Jayesh Shah, Devang Shah

 

Der 72-jährige Patient kam am 11. April 2012 zur Erstanamnese in unsere Sprechstunde. Seine Hauptbeschwerde war eine Harninkontinenz, unter der er seit einer operativen Prostataresektion litt. Außerdem klagte der Patient über stark schwankende Blutzuckerwerte, obwohl er wegen eines Typ II Diabetes medikamentös eingestellt war. Der Mann äußerte den Wunsch, diese beiden Beschwerden behandeln zu lassen und zukünftigen Problemen vorzubeugen.

 

Unser erster Eindruck war der eines sensiblen und sanftmütigen Menschen. Der Mann sprach sanft und freundlich, strahlte aber gleichzeitig eine gewisse Würde aus. Er berichtete uns, dass er von dem Chirurgen, der ihn operiert hatte, sehr enttäuscht war, weil dieser ihn nicht ausreichend über die potentiellen Folgen eines solchen Eingriffs aufgeklärt hatte. Der Patient erwähnte an dieser Stelle insbesondere die Harninkontinenz und die negativen Auswirkungen auf sein Sexleben (das ausgeprägte Interesse an Sexualität war auffällig).

 

Der Mann ist in zweiter Ehe verheiratet. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau lebte er neun Jahre lang alleine und wandte sich in dieser Zeit immer mehr der Spiritualität zu.

 

Er beschreibt sich selbst als ruhig und ausgeglichen, erzählt uns aber auch, dass ihn Ungerechtigkeit und Unehrlichkeit wütend machen. Er arbeitet als selbstständiger Unternehmer, sein Beruf gibt ihm die Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken. Im Freundeskreis ist er sehr beliebt und schätzt es insbesondere sehr, wenn er für seine Arbeit Anerkennung bekommt.

 

Der Patient macht sich viele Sorgen. Er erzählt, dass er oft über seine Kindheit und seinen Vater nachdenkt. Der Vater war sehr streng und dominant gewesen, als Kind hatte er sich vor den Wutausbrüchen seines Vaters gefürchtet. Der Vater war auch extrem sparsam und Geld hatte in der Familie oft zu Streit geführt. Einmal musste der Patient mit ansehen, wie der Vater seinen älteren Bruder schlug, weil dieser angeblich zu viel Geld ausgegeben hatte. Die Situation hatte dem Patienten große Angst gemacht. Die Angst vor dem Vater war so groß, dass der Mann trotz seiner außerordentlichen Begabung – er hatte es bis zum Champion geschafft - auf eine Sportlerkarriere als Badmintonspieler verzichtete und sich auf Wunsch seines Vaters als Unternehmer selbstständig machte.

 

Der Patient hatte sich von den strengen Vorgaben seines Vaters oft gedemütigt gefühlt. Er berichtete uns von einem Beispiel, wie er als schon erwachsener Mann von seinem Vater im Beisein von Arbeitskollegen gezwungen wurde, kurze Hosen zu tragen. Er beschreibt seinen Vater als Tyrannen.

 

Seine Mutter beschreibt der Patient als sanftmütige, liebevolle und zärtliche Frau, die ihm all die Liebe schenkte, die er als Kind brauchte. Sie war das Gegenstück zu seinem schwierigen Vater. Während der Erstanamnese sprach der Patient ausführlich darüber, wie unterschiedlich seine Eltern waren.

 

Der Patient hat große Angst vor Krankenhäusern und reagiert empfindlich auf das Leid anderer Menschen.

 

Als Kind war er sehr sensibel gewesen und hatte oft im Spiel mit seinen Cousins äußerst empfindlich auf jeden noch so kleinen Scherz reagiert. Verlor er ein Spiel oder wurde geneckt, fing er jedes Mal an zu weinen.

 

Der Patient ist hochgradig klaustrophobisch. Er berichtete uns von einem Vorfall in einem Flugzeug, das den geplanten Abflug verschieben musste, weil der Patient aufgrund einer heftigen Panikattacke wieder von Bord gelassen werden musste. Er erinnert sich noch heute daran, dass er damals verzweifelt versuchte, wieder ins Freie zu gelangen. Auch Menschenansammlungen machen ihm Angst.

 

Außerdem sprach der Patient über zwei merkwürdige Träume, an die er sich erinnern kann: Im ersten Traum stand er an einem Strand. Hinter ihm ragte eine hohe Mauer empor und er von einer großen Welle überspült. In diesem Traum empfand er eine Todesangst, die ihn aus dem Schlaf schrecken ließ. Im zweiten Traum schliefen er und seine fünf Brüder in einem Raum. Als er aufwachte, waren alle Brüder tot, nur er war noch am Leben. Als wir ihn danach fragten, wie sich der Traum angefühlt hatte, beschrieb der Patient den Traum als ‚sehr merkwürdig‘.

 

Fallanalyse

Der Schwerpunkt ruht hier auf der schwierigen Kindheit des Patienten, die von einem über alle Maßen strengen Vater geprägt war. Es ist das Auffallende und Besondere an diesem Fall. Der Patient selbst ist ein sanftmütiger Mensch und konnte die väterliche Strenge kaum ertragen. Der Vater war sehr geizig gewesen und konnte es nicht ausstehen, wenn seine Kinder Geld ausgaben. Die Kinder wurden dafür oft vom Vater getadelt. Der Patient erzählte lange und ausführlich darüber, dass sein Vater ein Tyrann, seine Mutter dagegen eine sanfte und zärtliche Frau gewesen war.

 

Hier haben wir einen 72-jährigen Mann, der sich nach wie vor mit seinem Kindheitsthema auseinandersetzt. Es war uns klar, dass es sich hierbei um sein Hauptanliegen handeln musste. Die Erinnerungen an das Kindheitstrauma, ausgelöst durch den strengen Vater, sind immer noch frisch! Der Patient verbrachte deutlich mehr Zeit damit, über dieses Thema zu sprechen, als uns von seinen körperlichen Beschwerden zu berichten. Es wird deutlich, dass er immer noch sensibilisiert ist für das, was ihm als Kind widerfahren war. Besonders sticht hier seine Empfindlichkeit gegenüber den harten Bestrafungen und Demütigungen seitens des Vaters hervor. Wenn wir versuchen, die Ängste und die Klaustrophobie des Patienten mit seiner Situation als Kind in Verbindung zu bringen, ist es interessant anzumerken, dass seine jetzigen Ängste sehr wahrscheinlich vergleichbar sind mit der Angst, die er seinem Vater gegenüber empfand. Oft bringen unsere Patienten ihre innersten Gefühle nicht direkt in Verbindung mit bestimmten Situationen. Sie kommen meist indirekt durch Ängste, Träume, persönliche Interessen und Hobbys zum Ausdruck. In den meisten Fällen gibt es mehrere Situationen oder Fenster, die uns Einblicke gewähren in das Erleben des Patienten und uns erkennen lassen, auf welcher Ebene dieses Erleben stattfindet.

 

Bei diesem Patienten haben seine Kindheitserlebnisse zu einem starken Sinn für Gerechtigkeit geführt. Er begehrt auf gegen jegliche Form der Ungerechtigkeit.

 

Neben seiner sensiblen und sanftmütigen Wesensart konnten wir eine gewisse Würde ausmachen. Wir haben es also mit einem Menschen zu tun, der Würde ausstrahlt und gleichzeitig empfindlich auf Kränkungen reagiert.

 

Der Patient beschreibt sich selbst als kreativ im Beruf, ist im Freundeskreis beliebt und weiß Anerkennung zu schätzen. Zwei polare Aspekte, Kritik und Anerkennung, werden deutlich. Wir suchen also nach einem Arzneimittel, in dem diese beiden Aspekte vertreten sind und welches auch die körperlichen Aspekte seiner postoperativen Beschwerden abdeckt.

 

Die folgenden Rubriken wurden für die Repertorisation herangezogen:

 

 

 

In Phataks ‚Homöopathische Arzneimittellehre‘(1) finden wir folgende Beschreibung für Staphysagria:

 

Nervenleiden, die mit Zittern verbunden sind, stellen einen ausgeprägten Aspekt dieser Arznei dar. .. Sie erregt übermäßiges und abweichendes Sexualverlangen und Masturbationsneigung. ..(die Arznei hat einen starken Bezug zu Sexualität).

 

Das Mittel wirkt auf … die HARNWEGE; die Bindegewebe; … krankhaft überempfindlich; das geringste Wort, das ihr unrecht erscheint, verletzt sie sehr;

 

Schließmuskeln: eingerissen, überdehnt. GEWEBSZERREIßUNGEN; Dammrisse usw. Stichschmerzen (Seitenstechen), die nach Operationen zurückbleiben. Üble Folgen von: Zorn oder Kränkung; unterdrücktem, zurückgehaltenem Zorn; Verletzungen, etwa durch Sturz; glatten Stichwunden, etwa nach Operationen; sexuellen Ausschweifungen;

 

(Verletzung des Blasenschließmuskels als Folge eines chirurgischen Eingriffs war die Hauptbeschwerde unseres Patienten).

 

Geist und Gemüt: Eingebildete Beleidigungen. Große Entrüstung über die Taten, die andere oder er selbst begangen haben; grämt sich wegen der Folgen.

 

Beschwerden von zurückgehaltenem Unwillen. Sehr empfindlich gegenüber dem, was andere über sie sagen. Üble Folgen von Strafpredigten oder Bestrafungen, bei Kindern.

 

Verschreibung: Staphysagria LM3

 

Kommentar zur Potenzwahl

Der Patient hat einen chronisch progredienten Diabetes, der medikamentös behandelt wird, aber nicht mehr adäquat kontrolliert werden kann. Die Blutzuckerwerte schwanken stark und die lebenswichtigen Organe wie Nieren, Augen, Nerven und Herz werden zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Daran können wir erkennen, dass es sich um eine chronische und fortschreitende Erkrankung handelt. Unter Berücksichtigung der fortschreitenden Pathologie des Patienten wurde eine LM-Potenz gewählt, um die Arznei in wiederholten Gaben verabreichen zu können. Außerdem war deutlich, dass sich die Beschwerden des Patienten hauptsächlich auf Ebene 1, 2 oder 3 abspielen. Selbst als der Patient uns von seinem Vater erzählte, stand sein emotionales Erleben nicht im Vordergrund. Man hatte den Eindruck, dass der Patient sich im Griff haben wollte, was typisch für Staphysagria ist. Außerdem war die Hauptbeschwerde deutlich lokalisiert. Die LM3-Potenz ist hier eine sichere Wahl, weil man bei Bedarf noch höher gehen kann.

 

Follow-up am 02.11.2012: Der Patient reagierte sofort auf die Arznei. Seine Harninkontinenz besserte sich innerhalb von 4 Wochen deutlich. Drei Monate später war die Blasenfunktion wieder zu 80% hergestellt, sechs Monate später sogar wieder zu 95%. Auch die Blutzuckerwerte des Patienten stabilisierten sich und bleiben jetzt mit allopathischer Behandlung gut eingestellt. Sein aktueller Wert für glykosyliertes Hämoglobin liegt bei 7.6 (vor Beginn der homöopathischen Behandlung lag er bei 8). Sein Nüchternblutzucker fiel von 170 auf 120.

 

Auch seelisch geht es dem Mann besser, er sagt, er sei ruhiger geworden und kann den Herausforderungen des Lebens gelassen entgegensehen. Kleinere Ärgernisse kann er nun problemlos verkraften, was vorher nicht der Fall war.

 

Der Patient erzählt uns diesmal auch von einer Meinungsverschiedenheit mit seiner Tochter, mit der er sich aus beruflichen Gründen überworfen hat. Während der Erstanamnese hatte er nicht darüber gesprochen. Über seine Tochter sagt er: „Ich kann sie jetzt verstehen und es ist in Ordnung, so wie es ist.“ Hier lässt sich eine positive und sehr heilsame Veränderung in seinem Wesen erkennen. Die Fähigkeit, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, hat ihn gelassener und ruhiger werden lassen. Er sagt, dass er gelernt hat, sich seiner Tochter nicht aufzudrängen und nun akzeptieren kann, dass sie andere Ansichten hat als er.

 

Es lässt sich hier schön erkennen, dass es dem Patienten nicht nur körperlich und in Bezug auf seine Krankheit besser geht, sondern dass auch auf geistiger und seelischer Ebene eine Veränderung stattgefunden hat, die den Patienten ausgeglichener machen und ihn besser in die Lage versetzen, mit den Belastungen des Lebens umzugehen. Das ist das Schöne an der Homöopathie: Sie heilt nicht nur körperliche Beschwerden, sondern bringt Wohlbefinden und seelische Ausgeglichenheit, die eine Heilung auch auf tiefer Ebene möglich macht. Diese zutiefst ganzheitliche Wirkweise macht die Homöopathie zu einer der besten und effektivsten Heilmethoden überhaupt.

 

Fallmanagement

Nach drei Monaten Staphysagria LM3 wurde die Potenz auf eine LM4 erhöht, weil der Blutzuckerspiegel des Patienten immer noch zeitweise ins Schwanken geriet. Danach verschwand auch dieses Problem.

 

Kommentar

Die Empfindung des Eingeengt-seins und die daraus folgende Klaustrophobie wird in der Regel nicht mit Staphysagria in Verbindung gebracht. Im vorliegenden Fall wurden allerdings auch diese Ängste des Patienten geheilt.

 

Der zweite sehr auffällige Aspekt war die Tendenz des Patienten, sich über alles Sorgen zu machen. Sogar Kleinigkeiten brachten ihn aus der Fassung: Er machte sich Gedanken um seine Krankheit, um Geld, um seine Beziehungen, um sich selbst – eigentlich um alles. Dieser Wesenszug ist bei Staphysagria nicht bekannt. Ich überlegte, ob es sich hier um einen weniger bekannten Aspekt des Mittels handeln könnte. Als ich über das Ganze nachdachte, fiel mir jedoch auf, dass es hier nicht um die Sorge selbst ging, sondern um die Sache, um die sich der Patient Sorgen machte. Wenn er, zum Beispiel, über seinen Vater nachdachte, ging es um die Angst, angeschrien oder ausgeschimpft zu werden. Sorgte er sich um Geld, ging es ebenfalls um seinen Vater und die Angst, dass dieser seine Missbilligung zeigen würde. Und seine Sorgen in Bezug auf seinen Krankenhausaufenthalt drehten sich im Grunde genommen um seine starke Empfindlichkeit gegenüber dem Leiden anderer Menschen, er konnte es nicht ertragen, andere im Krankenhaus zu sehen. Was wir hier vor uns haben ist eine tiefgehende Empfindlichkeit. Diese ausgesprochene Empfindlichkeit gehört zu dem Pflanzenreich, und noch spezifischer in diesem Fall die Empfindlichkeit gegenüber Härte, Strenge, Tadel und Zurechtweisung, welche uns zu den Ranunculaceae führt.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Erleben des Patienten in seinen Träumen, in denen er von etwas Riesigem überkommen wird. In einem seiner Träume wird er von einer Welle überrollt, im zweiten Traum ereignet sich ein großes Unglück, er findet alle seine Brüder tot auf. Keiner dieser beiden Träume wiederholte sich. Der Patient erzählte uns erst von seinen Träumen, als er explizit danach gefragt wurde, aus diesem Grund spielen sie in der Fallanalyse eine untergeordnete Rolle. Allerdings können wir aus diesem Fallbeispiel lernen, dass das Gefühl einer drohenden Gefahr oder des drohenden Todes ein wichtiger Aspekt dieses Arzneimittels sein muss, weil unser Patient mit diesem Mittel geheilt wurde. Die Furcht vor Krankheit und vor dem Sterben ist ein signifikanter Aspekt der Familie der Ranunculaceae, wie wir bereits von Aconitum wissen. Vielleicht ist die Angst vor dem Sterben ein wichtiges Thema für viele Staphysagria-Patienten. Die Furcht, verfolgt zu werden, als würde eine Gefahr im Hintergrund lauern – wie z.B. die Wahnidee, dass jemand hinter ihm sei – ist der Idee der ‚Furcht vor dem eigenen Schatten‘ sehr ähnlich. Das Thema der Gefahr, die von hinten kommt, konnte ich bereits bei mehreren meiner Fälle beobachten.

 

Weil dieser Patient so gut auf Staphysagria reagierte können wir durchaus einige Aspekte auch für unsere klinische Arbeit daraus ableiten: grüblerisch, macht sich viele Sorgen um das Sterben und den Tod; große Angst, dass eine Gefahr von hinten kommt und ihn überrollt.

  1. S.R. Phatak, „Staphysagria“, Homöopathische Arzneimittellehre, ReferenceWorks Pro 4.2.1.1

 

Dieses Fallbeispiel wurde ursprünglich unter http://theothersong.wordpress.com/ im Newsletter ‚Voice‘ veröffentlicht.

 

 

Kategorie: Fälle

Schlüsselwörter: Harninkontinenz; Diabetes mellitus Typ II; Wut gegen einen strengen Vater; Wut durch Demütigung; empfindlich gegenüber Tadel

Mittel: Staphysagria

 

 

 

 

 





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