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Die Lithiumreihe verstehen: Fall 1

Von Mahesh Gandhi

Abkürzungen: MG: Mahesh Gandhi; P: Patient; HG: Handgeste. Die Fälle sind aus Gründen der Lesbarkeit gekürzt.

Fall 1

Dieser Fall handelt von einem 45-jährigen Mann, der wegen seiner Angstzustände in die Klinik kam. Er leidet schon seit 20 Jahren unter dieser Angststörung mit Panikattacken und wird mit Psychopharmaka behandelt. Der Patient führt seine erste Panikattacke auf die Abschlussprüfungen im Medizinstudium zurück. Damals musste er 14 bis 16 Stunden am Tag lernen. Er bekam Herzrasen und Schmerzen in der Brust, die ihn sehr beunruhigten, weil er dachte, er hätte Probleme mit dem Herzen.

Der Patient berichtete von Situationen aus seiner Studienzeit, in denen er extrem gestresst war, z.B. von seinem Praktikum auf der Leprastation, als er große Angst davor hatte, sich zu infizieren. Auch einfachste Untersuchungen, wie z.B. eine Pleurapunktion bei einem Tuberkulosepatienten, lösten bei ihm Zittern und Angstzustände aus, weil er befürchtete, dem Patienten aus Versehen die Lunge zu punktieren. Er war auch nicht in der Lage, Vitaminspritzen zu geben, weil er fürchtete, der Patient könne einen anaphylaktischen Schock davontragen. Seine großen Ängste vor den angeblichen Gefahren der Infektionsmedizin ließen ihn schließlich Pathologe werden, weil das seiner Meinung nach weniger Stress und Angst bedeutete.

Aber auch als Pathologe konnte er seine Angstzustände nicht wirklich überwinden. Regelmäßig schickte er Laborbefunde an andere Labore zur Überprüfung weiter, um sich abzusichern und seine Ängste zu beruhigen, auch wenn das bedeutete, die Tests aus eigener Tasche bezahlen zu müssen. Trotz alledem hegte er anfangs die Hoffnung, nach einem Jahr eine eigene Praxis eröffnen zu können, was aber nie eintrat. Er begann in der Praxis seines Vaters zu arbeiten, in der unter anderem adipöse Patienten mit ayurvedischer Medizin behandelt wurden. Das erschien dem Patienten als sichere Option. Allerdings musste er auch hier gegen seine Ängste ankämpfen. Als er einmal einen übergewichtigen Patienten mit einem Blutdruck von 140/100 behandelte, war er überzeugt, dass dieser jeden Moment einen  Herzinfarkt erleiden müsse. Er malte sich alle möglichen Worst-Case-Szenarien aus, wurde extrem unruhig undrief alle fünf Minuten bei dem Patienten an, um sich nach dessen Wohlergehen zu erkundigen.

Da sich diese Problematik sehr geballt durch die gesamte Anamnese zog, wollte ich tiefer darauf eingehen, um die Ebene der Empfindung zu erforschen.

MG: Was ist das Schlimmste, was passieren könnte?

P: „Es könnte zu einem Gerichtsverfahren kommen und diese Prozesse ziehen sich ja jahrelang hin. Wie kann ich jahrelang mit der Ungewissheit leben? Ich könnte inhaftiert werden und müsste mit all den Kriminellen ins Gefängnis. Ich werde dann sexuell belästigt – was ist, wenn ich mit AIDS infiziert werde? Allein dieser Gedanke löst Herzklopfen bei mir aus, mein Mund wird trocken, ich habe Schmerzen in der Brust und mir wird schwindelig.“

Der Patient beschreibt sich selbst als sanftmütig, freundlich und friedliebend. Er ist kein Freund von harter Arbeit, sondern genießt die Annehmlichkeiten des Lebens. Er lässt gerne Drachen fliegen. Von Natur aus ist er eher etwas feige, träumt aber davon, die vielen Halunken zu vermöbeln und von seinen Freunden dafür gefeiert zu werden. Seine Frau findet, dass er zu viel Aufsehen um Kleinigkeiten macht und sich über Nichtigkeiten zu viel aufregt. Z.B. hatte er einmal sein Handy verlegt und war überzeugt gewesen, dass Kriminelle mit seinem Telefon einen Mord in Auftrag geben würden und er dafür ins Gefängnis gehen müsste. Er machte sich ständig Sorgen, im Gefängnis sexuell missbraucht zu werden und sich dort mit HIV zu infizieren (an dieser Stelle  sprang er sogar vom Stuhl auf um tief Luft zu holen).

Dieser Punkt der Anamnese ist sehr wichtig: Der Patient erzählt von seinem Herzrasen und springt auf. Wir können die Erwartungsspannung förmlich sehen, sie kommt mittels Herzrasen und Krämpfen etc. zum Ausdruck.

P: „Immer wenn ich verreise und mich nicht bewegen kann, fühle ich mich nicht wohl. Ich bin nicht gerne eingeengt. Es ist ein Dilemma: Soll ich gehen oder nicht?“ Seine Unruhe kann man als Fluchtversuch werten. „Soll ich gehen oder bleiben? Immer, wenn ich diese Symptome habe, habe ich das Bedürfnis zu fliehen. Dann brauche ich jemanden, der mich beruhigt. Diese Situationen machen mich fertig.“

Er beschreibt noch eine weitere Situation, in der er panisch geworden war. Seine Tochter war krank und der behandelnde Arzt bat ihn darum, drei Tage später die Laborbefunde abzuholen. Die Vorstellung, drei Tage lang auf die Befunde warten zu müssen war unerträglich. Das Problem für ihn war nicht, dass die Befunde schlecht sein könnten, sondern dass er so lange warten musste. Die Erwartungsspannung ist tödlich für ihn. Er bekommt Beklemmungsgefühle in der Brust, Herzrasen und Engegefühl etc. Der Patient berichtete auch, dass er keine Probleme habe mit dem Bus oder der Bahn zu fahren, solange er sofort einsteigen kann. Wenn er aber zwei Tage auf die Busfahrt warten muss, hält er es kaum aus. Das Warten macht ihn fertig.

An dieser Stelle der Fallaufnahme gehen wir zurück zu dem Thema Gefängnis und warten, was sich hier zeigt.

P: „Im Gefängnis lauern viele Gefahren: Ich könnte von einem Homosexuellen angegriffen werden und mich dabei infizieren. Gerichtsverfahren dauern üblicherweise sehr lange. Es geht sehr langsam voran, aber ich brauche schnelle Lösungen. Das würde für mich sehr viel Stress bedeuten.“ (HG: Die Hand bewegt sich ruckartig. Der Patient holt tief Luft.)

„Die Unsicherheit ist sehr stressig für mich. Ich weiß ja nicht, was passieren wird. Ich habe immer Angst, dass etwas passieren wird; das Gerichtsverfahren überfordert mich völlig. Ich wäre darin verstrickt und es würde mich wahnsinnig machen.“

Er beschreibt seine Vorstellung von ‚verstrickt zu sein‘ und spricht detailliert über Gerichtsverfahren, die sich tagelang hinziehen und im Zuge derer die Leute immer wieder aufgerufen werden. Die Langsamkeit dieser Verfahren würden ihm schlaflose Nächte bereiten und ihn sehr unruhig werden lassen.

Das Hauptproblem des Patienten und somit die Essenz seiner Persönlichkeit ist die Unsicherheit, die große Ängste in ihm auslöst. Unsicherheit löst Ängste aus, ganz gleich um welche Unsicherheiten es sich handelt: anaphylaktische Schocks, Laborbefunde, ayurvedische Kräuter oder Busreisen. Die Unsicherheit entzieht sich seiner Kontrolle und erstreckt sich über Tage, manchmal sogar unendlich lange. Die Einschränkung in der Bewegung, das Tief-durchatmen, das Aufspringen vom Stuhl und die ruckartigen Handgesten, die er in diesen Situationen oder in seinen Gedanken erfährt, sind charakteristisch für sein Wesen. Diese Merkmale ziehen sich durch den gesamten Fall und werden im körperlichen als auch im seelischen Bereich sichtbar. Die Empfindung, die ein Patient voll und ganz verinnerlicht hat und die auf ganz unterschiedlichen Ebenen zum Ausdruck kommt, wird Vitale Empfindung genannt.

Im vorliegenden Fall können wir erkennen, dass das Hauptthema für diesen Patienten in seiner Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft und der Angst vor zukünftigen Ereignissen verankert ist. Außerdem besteht eine Angst vor Krankheit: Er hat Sorgen, dass er sich anstecken und vielleicht AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) bekommen könnte. Von Natur aus neigt er zu Bequemlichkeit. Im Grunde genommen ist er ein Feigling, der in seiner Fantasie andere Leute verprügelt und mit seiner Stärke angeben will. Diese Angst vor der Zukunft und die Angst vor Krankheit – insbesondere vor ansteckenden Krankheiten – ist ein besonderes Merkmal von Calcium. (Ref: Verzweiflung über zerrüttete Gesundheit, hypochondrisch; verzweifelnde Stimmung mit Furcht vor Krankheit und Elend, mit Ahnung betrübender Vorfälle; Furcht vor Ansteckung, vor Verstandesverlust). [1]

Es gibt noch einen weiteren Aspekt in diesem Fall: die Empfindung des Zusammengezogen-seins, eingeengt und verstrickt zu sein. Dieser Aspekt entspricht der essentiellen Empfindung von Nitrogenium. [2]

Nitrogenium gehört zur Lithiumreihe (Reihe 2 im Periodensystem der Elemente/Mineralreich). Das wichtigste Thema der mineralischen Mittel ist Struktur – der innerste Kern der eigenen Struktur und das damit einhergehende Bedürfnis, alle Funktionen zu erfüllen, die für den Erhalt der Struktur notwendig sind. Dies führt entweder zu einem Mangel an oder einem Verlust der eigenen Fähigkeiten, die für die jeweilige Funktion erforderlich sind. Die Themen drehen sich um die Frage „Bin ich fähig dazu, oder nicht?“ Diese Fragestellung wird im Periodensystem der Elemente sehr anschaulich dargestellt, denn jede Reihe (Serie) steht für ein bestimmtes Stadium in der Entwicklung eines Menschen. Die Hauptthemen der sieben Reihen des Periodensystems sind wie folgt:

Reihe 1: Existenz

Reihe 2: Trennung

Reihe 3: Identität

Reihe 4: Sicherheit und Pflicht

Reihe 5: Kreativität und Leistung

Reihe 6: Verantwortung

Reihe 7: Zerfall [3]

In der Lithiumreihe dreht sich also alles ganz offensichtlich um die Trennung von der Mutter. Von links nach rechts, befinden sich in der Lithiumreihe folgende Elemente: Lithium, Beryllium, Bor, Kohlenstoff (Carbon), Stickstoff (Nitrogenium), Sauerstoff (Oxygenium) und Fluor. Die Mittel dieser Reihe entsprechen den verschiedenen Stadien der menschlichen Entwicklung ab dem Zeitpunkt der Empfängnis, durch die mütterliche Schwangerschaft bis hin zum Eintritt in die Welt und die daraus folgende Trennung von der Mutter. Hydrogenium (Wasserstoff/ Reihe 1 des Periodensystems) entspricht dem Stadium vor der Empfängnis bis zu dem Zeitpunkt, an dem Ovum und Sperma verschmelzen. Die Mittel aus Reihe 2 beschreiben alsodie Empfindung von erwachsenen Menschen, die sich ihrem inneren Erleben nach noch im Mutterleib oder im Zustand der Trennung von der Mutter befinden. Jedes Mittel dieser Reihe bezieht sich aufein individuelles Entwicklungsstadium. Nitrogenium z. B. steht auf der rechten Seite der Reihe. Menschen, die diesem Zustand entsprechen, beschreiben eine innere Empfindung des Zusammenziehens, der Einengung, wie es während einer Geburt beim Passieren des Geburtskanals auch tatsächlich geschieht. Die Empfindung des Patienten entspricht dem Geburtsvorgang.

Im vorliegenden Fall dominiert das Thema Unsicherheit. Wenn man das Mittel Argentum nitricum in Rajan Sankarans ‚Die Seele der Heilmittel‘ nachliest, dann wissen wir, dass diese Patienten keine Erwartungsspannung, keine Aufregung vertragen. Diese Angst ist das kennzeichnende Merkmal des Mittels. Die Unsicherheit lässt sich nicht unter Kontrolle bringen. Dieser Kontrollverlust ist eine Besonderheit der rechten Seite der Lithiumreihe.

Also, einerseits erkennen wir hier die Eigenschaften von Calcium (Furcht vor Ansteckung und Feigheit), andererseits haben wir die unkontrollierbare Unsicherheit, Einengung und Verstrickung von Nitrogenium auf der rechten Seite von Reihe 2 des Periodensystems. Folglich ist Calcium nitricum das passende Simillimum für den Fall.

Verschreibung: Calcium nitricum C200, um eine Erstverschlimmerung zu vermeiden.

Follow-up: Sechs Monate später berichtete der Patient, dass er sich viel besser fühle und mehr in sich ruhe. Die Angstzustände haben deutlich nachgelassen. Wo zuvor Kleinigkeiten eine panische Reaktion auslösten, reagiert er nun mit Gelassenheit. Auch Familie und Freunde haben positive Veränderungen bemerkt. Er kommt noch einmal in die Klinik, weil er Blähungen hat. Eine Gabe seines Konstitutionsmittels löst auch dieses Problem.

Die Fälle wurden von SnehaVyas und Devang Shah bearbeitet und zusammengestellt.

Quellen:

1 – Michael Hourigan and David Kent Warkentin, ReferenceWorks Pro, 4.2.1.1, Clarke’s Dictionary, Mind

2 – Rajan Sankaran, Structure, Volume 1, Row 2, Nitrogen

3 – Rajan Sankaran, Structure, Volume 1

**************************************************************

Fotos: Shutterstock
Green two-way sign;iQoncept
Single soap bubble; PanicAttack

Kategorie: Fälle

Schlüsselwörter: Angststörung, Panikattacken, Schizophrenie, Trauma, Katastrophe, Konvulsionen, Verwirrung, Hysterie, Lithiumreihe, Ersticken, Trennung.

Mittel: Boron metallicum, Calcium nitricum, Lithium muriaticum, Nitrogenium, Oxygenium

Originalartikel: Interhomeopathy.org

Die Lithiumreihe verstehen: Fall 1

Von Mahesh Gandhi

Abkürzungen: MG: Mahesh Gandhi; P: Patient; HG: Handgeste. Die Fälle sind aus Gründen der Lesbarkeit gekürzt.

Fall 1

Dieser Fall handelt von einem 45-jährigen Mann, der wegen seiner Angstzustände in die Klinik kam. Er leidet schon seit 20 Jahren unter dieser Angststörung mit Panikattacken und wird mit Psychopharmaka behandelt. Der Patient führt seine erste Panikattacke auf die Abschlussprüfungen im Medizinstudium zurück. Damals musste er 14 bis 16 Stunden am Tag lernen. Er bekam Herzrasen und Schmerzen in der Brust, die ihn sehr beunruhigten, weil er dachte, er hätte Probleme mit dem Herzen.

Der Patient berichtete von Situationen aus seiner Studienzeit, in denen er extrem gestresst war, z.B. von seinem Praktikum auf der Leprastation, als er große Angst davor hatte, sich zu infizieren. Auch einfachste Untersuchungen, wie z.B. eine Pleurapunktion bei einem Tuberkulosepatienten, lösten bei ihm Zittern und Angstzustände aus, weil er befürchtete, dem Patienten aus Versehen die Lunge zu punktieren. Er war auch nicht in der Lage, Vitaminspritzen zu geben, weil er fürchtete, der Patient könne einen anaphylaktischen Schock davontragen. Seine großen Ängste vor den angeblichen Gefahren der Infektionsmedizin ließen ihn schließlich Pathologe werden, weil das seiner Meinung nach weniger Stress und Angst bedeutete.

Aber auch als Pathologe konnte er seine Angstzustände nicht wirklich überwinden. Regelmäßig schickte er Laborbefunde an andere Labore zur Überprüfung weiter, um sich abzusichern und seine Ängste zu beruhigen, auch wenn das bedeutete, die Tests aus eigener Tasche bezahlen zu müssen. Trotz alledem hegte er anfangs die Hoffnung, nach einem Jahr eine eigene Praxis eröffnen zu können, was aber nie eintrat. Er begann in der Praxis seines Vaters zu arbeiten, in der unter anderem adipöse Patienten mit ayurvedischer Medizin behandelt wurden. Das erschien dem Patienten als sichere Option. Allerdings musste er auch hier gegen seine Ängste ankämpfen. Als er einmal einen übergewichtigen Patienten mit einem Blutdruck von 140/100 behandelte, war er überzeugt, dass dieser jeden Moment einen  Herzinfarkt erleiden müsse. Er malte sich alle möglichen Worst-Case-Szenarien aus, wurde extrem unruhig undrief alle fünf Minuten bei dem Patienten an, um sich nach dessen Wohlergehen zu erkundigen.

Da sich diese Problematik sehr geballt durch die gesamte Anamnese zog, wollte ich tiefer darauf eingehen, um die Ebene der Empfindung zu erforschen.

MG: Was ist das Schlimmste, was passieren könnte?

P: „Es könnte zu einem Gerichtsverfahren kommen und diese Prozesse ziehen sich ja jahrelang hin. Wie kann ich jahrelang mit der Ungewissheit leben? Ich könnte inhaftiert werden und müsste mit all den Kriminellen ins Gefängnis. Ich werde dann sexuell belästigt – was ist, wenn ich mit AIDS infiziert werde? Allein dieser Gedanke löst Herzklopfen bei mir aus, mein Mund wird trocken, ich habe Schmerzen in der Brust und mir wird schwindelig.“

Der Patient beschreibt sich selbst als sanftmütig, freundlich und friedliebend. Er ist kein Freund von harter Arbeit, sondern genießt die Annehmlichkeiten des Lebens. Er lässt gerne Drachen fliegen. Von Natur aus ist er eher etwas feige, träumt aber davon, die vielen Halunken zu vermöbeln und von seinen Freunden dafür gefeiert zu werden. Seine Frau findet, dass er zu viel Aufsehen um Kleinigkeiten macht und sich über Nichtigkeiten zu viel aufregt. Z.B. hatte er einmal sein Handy verlegt und war überzeugt gewesen, dass Kriminelle mit seinem Telefon einen Mord in Auftrag geben würden und er dafür ins Gefängnis gehen müsste. Er machte sich ständig Sorgen, im Gefängnis sexuell missbraucht zu werden und sich dort mit HIV zu infizieren (an dieser Stelle  sprang er sogar vom Stuhl auf um tief Luft zu holen).

Dieser Punkt der Anamnese ist sehr wichtig: Der Patient erzählt von seinem Herzrasen und springt auf. Wir können die Erwartungsspannung förmlich sehen, sie kommt mittels Herzrasen und Krämpfen etc. zum Ausdruck.

P: „Immer wenn ich verreise und mich nicht bewegen kann, fühle ich mich nicht wohl. Ich bin nicht gerne eingeengt. Es ist ein Dilemma: Soll ich gehen oder nicht?“ Seine Unruhe kann man als Fluchtversuch werten. „Soll ich gehen oder bleiben? Immer, wenn ich diese Symptome habe, habe ich das Bedürfnis zu fliehen. Dann brauche ich jemanden, der mich beruhigt. Diese Situationen machen mich fertig.“

Er beschreibt noch eine weitere Situation, in der er panisch geworden war. Seine Tochter war krank und der behandelnde Arzt bat ihn darum, drei Tage später die Laborbefunde abzuholen. Die Vorstellung, drei Tage lang auf die Befunde warten zu müssen war unerträglich. Das Problem für ihn war nicht, dass die Befunde schlecht sein könnten, sondern dass er so lange warten musste. Die Erwartungsspannung ist tödlich für ihn. Er bekommt Beklemmungsgefühle in der Brust, Herzrasen und Engegefühl etc. Der Patient berichtete auch, dass er keine Probleme habe mit dem Bus oder der Bahn zu fahren, solange er sofort einsteigen kann. Wenn er aber zwei Tage auf die Busfahrt warten muss, hält er es kaum aus. Das Warten macht ihn fertig.

An dieser Stelle der Fallaufnahme gehen wir zurück zu dem Thema Gefängnis und warten, was sich hier zeigt.

P: „Im Gefängnis lauern viele Gefahren: Ich könnte von einem Homosexuellen angegriffen werden und mich dabei infizieren. Gerichtsverfahren dauern üblicherweise sehr lange. Es geht sehr langsam voran, aber ich brauche schnelle Lösungen. Das würde für mich sehr viel Stress bedeuten.“ (HG: Die Hand bewegt sich ruckartig. Der Patient holt tief Luft.)

„Die Unsicherheit ist sehr stressig für mich. Ich weiß ja nicht, was passieren wird. Ich habe immer Angst, dass etwas passieren wird; das Gerichtsverfahren überfordert mich völlig. Ich wäre darin verstrickt und es würde mich wahnsinnig machen.“

Er beschreibt seine Vorstellung von ‚verstrickt zu sein‘ und spricht detailliert über Gerichtsverfahren, die sich tagelang hinziehen und im Zuge derer die Leute immer wieder aufgerufen werden. Die Langsamkeit dieser Verfahren würden ihm schlaflose Nächte bereiten und ihn sehr unruhig werden lassen.

Das Hauptproblem des Patienten und somit die Essenz seiner Persönlichkeit ist die Unsicherheit, die große Ängste in ihm auslöst. Unsicherheit löst Ängste aus, ganz gleich um welche Unsicherheiten es sich handelt: anaphylaktische Schocks, Laborbefunde, ayurvedische Kräuter oder Busreisen. Die Unsicherheit entzieht sich seiner Kontrolle und erstreckt sich über Tage, manchmal sogar unendlich lange. Die Einschränkung in der Bewegung, das Tief-durchatmen, das Aufspringen vom Stuhl und die ruckartigen Handgesten, die er in diesen Situationen oder in seinen Gedanken erfährt, sind charakteristisch für sein Wesen. Diese Merkmale ziehen sich durch den gesamten Fall und werden im körperlichen als auch im seelischen Bereich sichtbar. Die Empfindung, die ein Patient voll und ganz verinnerlicht hat und die auf ganz unterschiedlichen Ebenen zum Ausdruck kommt, wird Vitale Empfindung genannt.

Im vorliegenden Fall können wir erkennen, dass das Hauptthema für diesen Patienten in seiner Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft und der Angst vor zukünftigen Ereignissen verankert ist. Außerdem besteht eine Angst vor Krankheit: Er hat Sorgen, dass er sich anstecken und vielleicht AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) bekommen könnte. Von Natur aus neigt er zu Bequemlichkeit. Im Grunde genommen ist er ein Feigling, der in seiner Fantasie andere Leute verprügelt und mit seiner Stärke angeben will. Diese Angst vor der Zukunft und die Angst vor Krankheit – insbesondere vor ansteckenden Krankheiten – ist ein besonderes Merkmal von Calcium. (Ref: Verzweiflung über zerrüttete Gesundheit, hypochondrisch; verzweifelnde Stimmung mit Furcht vor Krankheit und Elend, mit Ahnung betrübender Vorfälle; Furcht vor Ansteckung, vor Verstandesverlust). [1]

Es gibt noch einen weiteren Aspekt in diesem Fall: die Empfindung des Zusammengezogen-seins, eingeengt und verstrickt zu sein. Dieser Aspekt entspricht der essentiellen Empfindung von Nitrogenium. [2]

Nitrogenium gehört zur Lithiumreihe (Reihe 2 im Periodensystem der Elemente/Mineralreich). Das wichtigste Thema der mineralischen Mittel ist Struktur – der innerste Kern der eigenen Struktur und das damit einhergehende Bedürfnis, alle Funktionen zu erfüllen, die für den Erhalt der Struktur notwendig sind. Dies führt entweder zu einem Mangel an oder einem Verlust der eigenen Fähigkeiten, die für die jeweilige Funktion erforderlich sind. Die Themen drehen sich um die Frage „Bin ich fähig dazu, oder nicht?“ Diese Fragestellung wird im Periodensystem der Elemente sehr anschaulich dargestellt, denn jede Reihe (Serie) steht für ein bestimmtes Stadium in der Entwicklung eines Menschen. Die Hauptthemen der sieben Reihen des Periodensystems sind wie folgt:

Reihe 1: Existenz

Reihe 2: Trennung

Reihe 3: Identität

Reihe 4: Sicherheit und Pflicht

Reihe 5: Kreativität und Leistung

Reihe 6: Verantwortung

Reihe 7: Zerfall [3]

In der Lithiumreihe dreht sich also alles ganz offensichtlich um die Trennung von der Mutter. Von links nach rechts, befinden sich in der Lithiumreihe folgende Elemente: Lithium, Beryllium, Bor, Kohlenstoff (Carbon), Stickstoff (Nitrogenium), Sauerstoff (Oxygenium) und Fluor. Die Mittel dieser Reihe entsprechen den verschiedenen Stadien der menschlichen Entwicklung ab dem Zeitpunkt der Empfängnis, durch die mütterliche Schwangerschaft bis hin zum Eintritt in die Welt und die daraus folgende Trennung von der Mutter. Hydrogenium (Wasserstoff/ Reihe 1 des Periodensystems) entspricht dem Stadium vor der Empfängnis bis zu dem Zeitpunkt, an dem Ovum und Sperma verschmelzen. Die Mittel aus Reihe 2 beschreiben alsodie Empfindung von erwachsenen Menschen, die sich ihrem inneren Erleben nach noch im Mutterleib oder im Zustand der Trennung von der Mutter befinden. Jedes Mittel dieser Reihe bezieht sich aufein individuelles Entwicklungsstadium. Nitrogenium z. B. steht auf der rechten Seite der Reihe. Menschen, die diesem Zustand entsprechen, beschreiben eine innere Empfindung des Zusammenziehens, der Einengung, wie es während einer Geburt beim Passieren des Geburtskanals auch tatsächlich geschieht. Die Empfindung des Patienten entspricht dem Geburtsvorgang.

Im vorliegenden Fall dominiert das Thema Unsicherheit. Wenn man das Mittel Argentum nitricum in Rajan Sankarans ‚Die Seele der Heilmittel‘ nachliest, dann wissen wir, dass diese Patienten keine Erwartungsspannung, keine Aufregung vertragen. Diese Angst ist das kennzeichnende Merkmal des Mittels. Die Unsicherheit lässt sich nicht unter Kontrolle bringen. Dieser Kontrollverlust ist eine Besonderheit der rechten Seite der Lithiumreihe.

Also, einerseits erkennen wir hier die Eigenschaften von Calcium (Furcht vor Ansteckung und Feigheit), andererseits haben wir die unkontrollierbare Unsicherheit, Einengung und Verstrickung von Nitrogenium auf der rechten Seite von Reihe 2 des Periodensystems. Folglich ist Calcium nitricum das passende Simillimum für den Fall.

Verschreibung: Calcium nitricum C200, um eine Erstverschlimmerung zu vermeiden.

Follow-up: Sechs Monate später berichtete der Patient, dass er sich viel besser fühle und mehr in sich ruhe. Die Angstzustände haben deutlich nachgelassen. Wo zuvor Kleinigkeiten eine panische Reaktion auslösten, reagiert er nun mit Gelassenheit. Auch Familie und Freunde haben positive Veränderungen bemerkt. Er kommt noch einmal in die Klinik, weil er Blähungen hat. Eine Gabe seines Konstitutionsmittels löst auch dieses Problem.

Die Fälle wurden von SnehaVyas und Devang Shah bearbeitet und zusammengestellt.

Quellen:

1 – Michael Hourigan and David Kent Warkentin, ReferenceWorks Pro, 4.2.1.1, Clarke’s Dictionary, Mind

2 – Rajan Sankaran, Structure, Volume 1, Row 2, Nitrogen

3 – Rajan Sankaran, Structure, Volume 1

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Fotos: Shutterstock
Green two-way sign;iQoncept
Single soap bubble; PanicAttack

Kategorie: Fälle

Schlüsselwörter: Angststörung, Panikattacken, Schizophrenie, Trauma, Katastrophe, Konvulsionen, Verwirrung, Hysterie, Lithiumreihe, Ersticken, Trennung.

Mittel: Boron metallicum, Calcium nitricum, Lithium muriaticum, Nitrogenium, Oxygenium

Originalartikel: Interhomeopathy.org




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