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Ein kleiner Tyrann in Prinzessinnenkleidern: ein Fall von Lycopodium

 

von Paul Labrèche

 

Ein neuer Arzt, der auf dem großen homöopathischen Meer segelt, muss erst einmal lernen, bei jedem Wetter richtig zu navigieren. Manchmal ist es ruhig, manchmal turbulent, und manchmal ist es durchaus eine Herausforderung, wenn man in ein Gebiet gerät, wo die Segel mit dem Wind zu kämpfen haben.

Um nur eine Sache zu nennen: es gibt so viele Möglichkeiten, diese Kunst auszuüben, die oft ziemlich radikal voneinander abweichen. Von einem großen Homöopathen zum anderen, von einer Schule zur anderen, von einem Ansatz zum anderen können die Therapiemethoden völlig gegensätzlich aussehen, aber in ihrem Ursprung gleichermaßen gerechtfertigt sein. Und darüber hinaus können diese verschiedenen Ansätze miteinander verflochten sein. Es gibt Homöopathen, die eine Einzeldosis geben und warten, warten, warten. Andere geben eine Dosis des Mittels und wiederholen, wiederholen, wiederholen.

In den 90er Jahren verschrieb mir ein Arzt zwei Polychreste, die ich alle zwei Wochen abwechselnd einnehmen sollte. Ich tat dies 4 Jahre lang! Erst im dritten Jahr begann eine von Hautausschlag befallene Stelle an meinem Knöchel zu heilen.

Oft wissen wir nicht recht, wie wir das Ruder setzen sollen, um in Richtung des gewünschten Ziels zu lenken. Manche sagen, wir sollen uns (wieder) auf Hahnemann berufen und uns streng an seine Lehren halten. Andere sagen, dass sich die Homöopathie ständig weiter entwickelt, und dass wir die Arbeit von Scholten, Sankaran, Smits und anderen begeistert annehmen sollen - wir sollten keine Angst haben, in die unendlichen Tiefen des Wassergedächtnisses einzutauchen.

Wenn Hahnemann 200 Jahre alt geworden wäre - wie viele Versionen seines Organon hätte er wohl geschrieben? Bis wohin hätte er seine Methode weiter entwickelt - er, der nie aufgehört hat Fragen zu stellen und seine Methode zu vervollkommnen?

Das sind die Gedanken eines Seemanns, der spürt, dass er erst ein wenig mit diesem riesigen Meer vertraut zu werden beginnt, in das er gerade eben seine Paddel eingetaucht hat. Aber es ist eine große Freude für diesen Seemann, seine erfolgreichen Streifzüge zu teilen, besonders  mit denen, die ebenfalls neu in diesem Handwerk sind, und die noch nicht über den großen Erfahrungsschatz von Heilmitteln verfügen, auf den erfahrene Therapeuten zurückgreifen können.

Fall

Ein vierjähriges Mädchen kommt mit ihrer Mutter, um mich wegen ihres Asthmas zu konsultieren. Jede Erkältung verwandelt sich bei ihr in Asthma und endet jedes Mal in der Notaufnahme. Ihre sehr erfahrene Lungenfachärztin sagt, dieses kleine Mädchen sei einer der schwierigsten Fälle, den sie in ihrem langen Berufsleben erlebt hat.

Das erste, was mir an ihr auffällt, ist ihre Schönheit, ihr strahlendes und etwas schüchternes Lächeln, und ihr dichtes Haar. Sie ist zierlich und kein bisschen affektiert, obwohl sie gern die Prinzessin spielt. Alle sagen ihr immer, wie schön sie ist. Trotzdem fragt sie ihren Vater oft, ob sie hübsch ist. Ist das ein Bedürfnis nach Bewunderung infolge einer zugrunde liegenden Unsicherheit? Schönheit scheint in ihrem täglichen Leben von großer Bedeutung zu sein. Sie will immer hübsch aussehen und weigert sich hartnäckig, fremde Hilfe bei der Auswahl ihrer Kleidung in Anspruch zu nehmen.

Sie ist sehr dünn. Ihre Muskeln sind nicht gut entwickelt. Allerdings hat sie viel Energie und ist sehr Körper orientiert. Sie tanzt und turnt gern. Während ihre Mutter und ich uns unterhalten, macht sie eifrig ihre Gymnastikübungen. Scheinbar kann sie sich selbst - ohne dass ich ihr Aufmerksamkeit schenke - ganz gut amüsieren. Oder ist das nur ein Trick?

Ihre Mutter sagt, sie könne sich gut konzentrieren. Sie ist eindeutig frühreif und intelligent, und konnte bereits mit 3 Jahren ein 100-teiliges Puzzle lösen. Sie liebt das Lernen und genießt geistige Übungen. Ironischerweise ist ihre Sprachentwicklung verzögert. Sie murmelt und hat Mühe, ganze Sätze bilden.

Wegen ihrer freundlichen Art und ihrer brillianten Ausstrahlung dachte ich sofort an Phosphor. Es gibt jedoch noch eine andere Seite ihrer Persönlichkeit, die diesen ersten intuitiven Eindruck recht schnell überlagert. Wenn im Kindergarten andere Kinder ihr Spielzeug nehmen wollen, schlägt sie sie. Sie ignoriert ihre Lehrer, wenn sie sie bitten damit aufzuhören. Zu Hause ist sie sehr harsch zu ihrem kleinen Bruder und streitet ziemlich viel mit ihm.

Wenn sie mit einer neuen Herausforderung konfrontiert wird, sagt sie stets: „Ich kann das nicht!“ Sie beobachtet lieber erst einmal, bevor sie sich auf eine neue Situation einlässt.

Sie hat abends Einschlafschwierigkeiten. Sie steht auf, jammert und sagt, sie habe Bauchschmerzen, will fernsehen usw. Auch muss sie in der Nacht oft etwas essen. Wenn sie morgens aufsteht, ist sie guter Stimmung.

Sie hat wenig Appetit, mag Snacks, liebt Süßes und trinkt viel Saft. Bei den Mahlzeiten ist sie wählerisch.

Weitere bedeutsame Symptome:

- Stinkender Fußschweiß
- Mundgeruch (wie ihre Mutter sagt)
- Chronischer Schnupfen
- Ekzem in den Falten der Ellbogen, sehr trockene Haut
- starke Verstopfung
- Sehr empfindlich, wenn ihr die Mutter die Haare bürstet
 
Analyse

Was mir im Nachhinein auffällt ist, dass ich von ihrer „Prinzessinnen“-Darstellung so beeindruckt war, dass ich die Tatsache übersehen hatte, dass sie auch eine kleine Tyrannin  war, die nicht

Lycopodium

zögerte, andere zu schlagen und herum zu schubsen. Andererseits nahm ich sowohl ihre Dickköpfigkeit als auch ihr Zögern wahr, wenn es darum ging, sich für neue Aktivitäten zu engagieren. Diese beiden Leitsymptome sowie das starke Verlangen nach Zucker führten mich zu Lycopodium. In Jacques Lamothes „Homéopathie Pédiatrique“ (Homöopathie in der Kinderheilkunde) fand ich mehrere Hinweise darauf, dass dies das richtige Mittel sein könnte. Dies waren die wichtigsten:

- Wehleidigkeit
- Verlangen nach Bewunderung
- Harsch zu jüngeren Kindern
- Frühreif, aktiv, ein Überflieger
- Verzögerung der Sprachentwicklung
- Probleme bei der körperlichen Entwicklung, Untergewicht; unterentwickelte Muskulatur

 

Diese Symptome schienen das Bild dieses Kindes zu bestätigen. Ich machte mir zwar immer noch Gedanken wegen einiger Unstimmigkeiten, vor allem, weil sie wichtige Eigenschaften besaß, die völlig im Widerspruch zu dem Mittel zu stehen schienen, so wie ich es verstand. Zum Beispiel ist sie sehr Körper betont und meist guter Stimmung, vor allem morgens, zwei bedeutsame Eigenschaften, die nach meiner Kenntnis überhaupt nicht zu diesem Mittel passen.

Daher gab ich Lycopodium mit einem gewissen Vorbehalt. Ich entschied mich für eine C 15, um auf Nummer sicher gehen. Ich verordnete die Dilution, alle zwei Wochen einzunehmen, um auf größere Abstände zu gehen, sobald sich eine Besserung zeigte.

 

Follow-ups

Mai und Juli 2011

In den ersten vier Behandlungsmonaten hat sie keine Asthma-Attacken mehr, obwohl sie zweimal Fieber hatte, einmal sehr hoch und mit Husten verbunden. Sie hatte noch nie zuvor Fieber gehabt, daher sehe ich dies als positives Zeichen an. Ihre Lebenskraft ist dabei, sich zu regenerieren.

In ihrem Verhalten zeigt sie sichtbare Fortschritte. In der Kindertagesstätte tut sie jetzt, was die Lehrer ihr sagen, sie kann auch mal warten und ist weniger grob zu anderen Kindern. Zu Hause geht sie netter mit ihrem kleinen Bruder um und umarmt ihn sogar. Sie ist auch weniger weinerlich und benimmt sich nicht mehr so „prinzessinnenhaft“.

Weitere Besserungen: ihre chronische Rhinitis ist verschwunden, ihr Appetit ist besser geworden und sie ist weniger wählerisch; sie kann leichter einschlafen, ihre Verstopfung hat sich gebessert, sie hat keinen Mundgeruch (und keine belegte Zunge) mehr, und ihr stinkender Fußschweiß ist verschwunden. Außerdem ist sie weniger empfindlich, wenn ihr Haar gebürstet wird. Ihr Ekzem kommt und geht, aber insgesamt ist ihre Haut nicht mehr so trocken.

Die Mutter hatte allerdings den Eindruck, dass die Symptome ihrer Tochter zurückzukehren begannen, als sie im Juli wieder zu mir kam. Diese zeigt eine gewisse Ungeduld, weigert sich ihr Spielzeug wegzuräumen und ist wieder sehr wählerisch bei den Mahlzeiten.

Da sie gut auf das Mittel in dieser Potenz reagiert hat und noch Verbesserungen im Krankheitsbild zu bemerken waren, empfehle ich, Lycopodium C 15 nach Bedarf zu wiederholen.

November 2011


Sie und ihre Mutter waren vor zwei Wochen beim Lungenfacharzt. Die Tests zeigten, dass sich der „Lungengefäßwiderstand“ des Kindes verbessert hat, sodass sie nicht mehr alle 6 Monate zum Arzt muss. Der Arzt ist über diese Verbesserung erstaunt und kann nicht verstehen, wieso es ihr so gut geht.

Seit einem Monat hustet sie. Eine häufigere Wiederholung des Mittels hat nicht geholfen.

Es geht ihr auf verschiedenen anderen Ebenen besser, auch ihre Sprache hat sich deutlich verbessert.

Mehrere körperliche Symptome sind vor kurzem zurückgekehrt, darunter ihr Fußgeruch; auf der Verhaltensebene will sie die Nummer eins sein; in der Kindertagesstätte schubst sie andere, wenn sie in einer Reihe stehen müssen.

Nun berichtet sie über ihre Angst vor Skeletten.

Analyse

Lycopodium 15 C hat ausgewirkt. Eine Möglichkeit ist, auf C 30 zu erhöhen.

Einige homöopathische Richtungen plädieren dafür, auf Anzeichen von miasmatischen Blockaden zu warten, bevor man eine Nosode verschreibt. Andere verschreiben sie während einer Behandlung, wenn es klare Anzeichen einer miasmatischen Beteiligung gibt. In meiner Praxis entscheide ich mich in der Regel für Letzteres. Also gab ich ihr eine Dosis Psorinum (dünn, Fußgeruch, Asthma, Ekzem, Angst vor Skeletten).

Lycopodium
C 30, zwei Wochen später 1 Gabe Psorinum C 30.

Informelles Follow-up (Anfang Januar 2012)

Im vergangenen Monat gab es einige große Veränderungen in der Familie. Ihr Vater reiste ab, um ein militärisches Training zu absolvieren, und ihre Mutter kehrte mit den Kindern zu ihren Eltern zurück und lebte mit ihnen in einer anderen Stadt. Das kleine Mädchen sagt, sie wünscht sich, dass ihre ganze Familie zusammen ist und in ihrer eigenen Wohnung lebt. Sie hat Alpträume und etwas Verstopfung. Andererseits hat sie keinen Husten mehr.

Lycopodium C 30, Wiederholung bei Bedarf.

Beobachtung:
In den 4 bis 6 Wochen vor dem informellen Follow-up (das entspricht dem Zeitraum, wo sie Lycopodium C 30 und Psorinum nahm) hatte ich größere Rückschläge befürchtet. Ich dachte vor allem, dass ihr Asthma wieder auftreten könnte, oder zumindest, dass der rezidivierende Husten nicht nachlassen würde. Aber nichts dergleichen. Das kleine Mädchen arbeitete sich durch die Probleme in ihrem Leben - sowohl indem sie ihr Unglück verbalisierte, als auch durch Träume.

Fazit

Ich muss zugeben, dass ich anfangs meinte, das Mittelbild dieses Kindes sei meilenweit entfernt von dem schwierigen, kämpferischen, unglücklichen Kind, das wir mit Lycopodium verbinden.

Wenn man aber bedenkt, dass unter diesem Mittel das Gefühl lauert, klein und unbedeutend zu sein, dann folgt daraus, dass es zu Kindern passt, die damit unzufrieden sind, klein zu sein, und nach Mitteln und Wegen suchen, um ihre Verletzlichkeit zu verbergen. Ist es dann nicht einleuchtend, dass Lycopodium zu diesem Zweck versucht, in die Fußstapfen einer Prinzessin zu treten?

Paul Labrèche praktiziert in Montreal, Kanada und auf Skype. Website: www.facebook.com / PaulLabrecheHomeo

Dieser Artikel wurde auf www. interhomeopathy.org publiziert.

 

Fotos: Shutterstock
Lycopodium moss close-up (Lycopodium annotinum) in the forest;Nataliia Melnychuk
Kategorien: Fälle
Stichwort: Asthma, Schüchternheit, Prinzessin, Unsicherheit, Frühreife, verzögerte Sprachentwicklung, unterentwickelte Muskulatur
Mittel: Lycopodium, Psorinum




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